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01Apr

Für eine GRÜNE Kreativitätspolitik im Übergang zur globalisierten Wissensgesellschaft

Warum Kreativitätspolitik?

Wir leben im Übergang zur globalisierten Wissensgesellschaft. Das alte Ordnungsmodell einer relativ einheitlichen, disziplinierten Arbeitsgesellschaft tritt hinter Netzwerken und flachen Hierarchien zurück. Ansprüche auf Selbstbestimmung und der Austausch zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen werden immer wichtiger. Selbstständige Entscheidungen, Verständnis der Zusammenhänge, Kom- munikationsfähigkeit, Vorstellungskraft und Wissen sind gefragt. Kreativität und Innovationsfähigkeit werden zu entscheidenden Ressourcen im 21. Jahrhundert.

Damit erhält auch der große Grundgedanke unserer Moderne neue Chancen: die Idee vom selbstbestimmten Individuum, das die Bedingungen seines Lebens verantwortlich gestaltet. Wir Grüne wollen Kreativität nicht wohlfeil in den Dienst der bestehenden Ordnung stellen und im Austausch für blinden ökonomischen Erfolg Fehlentwicklungen der Gegenwart verstärken. Kreatives Denken ist befreites und befreiendes emanzipatorisches Denken. Kreativität löst Denkblockaden, eröffnet ungewöhnliche Perspektiven und nie gekannte Lösungswege. Kreativität ohne Verständigung darüber, was wir das „Gute Leben“ nennen, macht keinen Sinn. Wir brauchen unser gesamtes kreatives Potential, in der Kunst, der Technik, der Wirtschaft, der Wissenschaft, um den Übergang aus dem industriellen ins postindustrielle Zeitalter zu finden und zu gestalten.

Was sind die Grundlagen Grüner Kreativitätspolitik?

Grüne Kreativitätspolitik hat ihr Fundament in grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen.

Arbeit und Wirtschaft

Unter den Bedingungen der Wissensgesellschaft verlieren heute die schematisierten Arbeitsprozesse der traditionellen Großproduktion des Industriezeitalters an Bedeutung. Die entscheidenden Produktivitätsfortschritte geschehen heute durch die Bearbeitung von Informationen, Zahlen und Bildern. Neue Ressourcen bestimmen den wirtschaftlichen Erfolg: die Fähigkeit zu symbolvermittelter, oft computergestützte Steuerung von Prozessen und zu Problemlösungskompetenzen, die verfügbares Wissen kreativ aneignen, anwenden und erweitern. Die gesamte Kraft des Subjekts, die Fähigkeit des Menschen zur Gestaltung der eigenen Lebenswelt und die seiner sozialen Umgebung ist gefordert – mit einem Wort: seine und ihre Kreativität. Um dieses neue Kapital ist ein Konkurrenzkampf entbrannt, in Unternehmen, in Städten und Regionen. Darin liegt aber auch eine große Chance: wirklich neue Wege in die Zukunft zu finden.

Vielfalt der Kulturen – globale und lokale Kommunikation

Mit dem Internet und den anderen elektronischen Medien wird die Welt immer mehr zum „Global Village“. Informationen sind weltweit, oft in „Echtzeit“ – interaktiv – verfügbar. Neue Möglichkeiten des interkulturellen Austauschs entwickeln sich rasant.

Das gilt auch vor Ort, in Städten und Kommunen. Oft leben heute Menschen aus 180 und mehr Nationen in einer einzigen Stadt. Das geht nicht ohne Probleme ab, bedeutet aber auch großen Reichtum. Kulturelle Vielfalt ist ein Treibsatz für kreative Erneuerung. Viele Künstlerinnen und Künstler setzen gerade nicht auf die Trennlinien, sondern auf neue Übergänge zwischen den Kulturen.

Die Vielfalt der kulturellen und lebenspraktischen Orientierungen nimmt insgesamt zu. Familien- und Arbeitsrollen sind heute weniger fest gefügt als noch vor wenigen Jahrzehnten. Im Übergang zur Vier-Generationen-Gesellschaft bekommt der intergenerationelle Austausch ein neues Gewicht. Kreativität meint heute auch die Fähigkeit, sich im Laufe des eigenen Lebens mehrfach in neuen Rollen und Perspektiven zu orientieren. Angesichts dieser neuen Vielfalt brauchen Individuen und Gesellschaft eine neue Zeitpolitik, die die selbstbestimmte Verfügung über die eigene Lebenszeit erweitert.

Die Pluralität der Orientierungen und die raschen kulturellen Umbrüche in der Globalisierung sind eine große Chance für Innovation und kreatives Handeln. Sie bringen jedoch auch Verunsicherung mit sich. Wir Grüne plädieren für eine Politik und eine Kultur, die demokratische Identitäten stärkt, die einbeziehend und offen ist für gemeinsame Zukunftsentwürfe – in Städten und Regionen, in Bund und Ländern, in Europa, in der „Einen Welt“.

Welche Aufgaben hat grüne Kreativitätspolitik? Kreativität als Entwicklungsmotor

Der amerikanische Soziologe Richard Florida stellt fest, dass diejenigen Städte und Regionen wirtschaftlich die größten Erfolge haben, die der neu geforderten kreativen Subjektivität die günstigsten Lebens- und Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Regionen, die High-Tech-Arbeitsplätze in genügender Dichte bieten (technology), die über Menschen mit guter Ausbildung verfügen (talents) und die offen sind für unterschiedliche Lebensformen (tolerance). Städte und Regionen, die diese „drei Ts“ zusammenbringen, haben die besten Zukunftschancen.

Die kreativen Städte und Regionen verbinden im Querschnitt Kultur, Wirtschaft, Bildung, Soziales und Stadtplanung und übergreifend auch das Bemühen um eine nachhaltige Entwicklung. Das ist insbesondere für Grüne Kreativitätspolitik wesentlich. Denn gerade nachhaltige Wege in die Zukunft zu finden verlangt ein großes Maß an Kreativität.

Hier brauchen wir die Botschaften und Wahrnehmungshilfen der Kultur, die uns sagen: Es gibt noch andere Möglichkeiten, als das, was wir kennen, es muss nicht alles so bleiben wie es ist, wir können Begrenzungen aufbrechen, wir können das Neue, das ganz andere gestalten. So werden künstlerische, gesellschaftliche, wissenschaftliche Innovationen angeregt, die wirklich Neues bringen: Schritte auf dem Weg zur ökologischen Modernisierung, zu einem nachhaltigen Leben und Wirtschaften.

Um dieses Ziel zu erreichen, brauchen wir die Formulierung strategischer Ziele und integrierter Planung über die Ressortgrenzen hinweg sowie geeignete Formen der Partizipation. Kreativität bedarf eines anregenden Umfeldes: Städte und Regionen müssen lebendige Quartiere bieten, in denen unterschiedliche Menschen aufeinander treffen, miteinander arbeiten und leben. Sie müssen Natur in der Stadt erleben lassen, Wissenschaft, Forschung und Kultur fördern, die Entstehung moderner Arbeitsplätze in den wissensintensiven Branchen im Auge haben und aktive Toleranz gegenüber verschiedenen Lebensformen üben, d.h. versuchen, Unterschiede zu schätzen und nicht einzuebnen. Kreativitätspolitik muss selbst kreativ sein und ein besonderes Gespür für kulturelle Situationen entwickeln.

Kunst und Kultur als Fundament der kreativen Gesellschaft

Wissen und Kreativität sind die wichtigsten Potenziale für soziale und technologische Innovationen. Individuelle Lebensqualität und wirtschaftliche Prosperität sind ohne sie nicht zu haben. Ihr Fundament bilden Kunst und Kultur.

Kunst und Kultur werden wiederum gespeist durch öffentliche Förderung, durch zivilgesellschaftliches Engagement und die Kulturwirtschaft. Dieser Dreiklang aus unterschiedlichen Motivationen und Aktions-Ebenen bildet ein Erfolgsmodell europäischer Kulturgeschichte und soll dies auch in Zukunft sein. Es ist eine wichtige Aufgabe dieser drei Ebenen, zusammen mit der Stadt- und Regionalentwicklung den Kreativen geeignete Arbeitsbedingungen zu ermöglichen. Freiräume zur Entfaltung künstlerischer Kreativität („Brutstätten“) in der Bildenden Kunst und der Musik, in Tanz und Theater, in Architektur und „öffentlichem Design“ bilden nicht nur Lebensgrundlage für die KünstlerInnen, sondern sind Impulsgeber für die Entwicklung einer zukunftsfähigen Gesellschaft.

Wir wollen eine Kulturpolitik in Kommunen und Land, Bund und EU, die einer solchen Entwicklung einen ordnungspolitischen und rechtlichen Rahmen setzt, die ihre Förderpolitik ausweitet auf Kommunikation und Partizipation, die Begegnungs- und Erfahrungsräume schafft und ressortübergreifende Sicht- und Handlungsweisen öffnet.

Die öffentlich finanzierten Kultureinrichtungen sind ein Rückgrat der kreativen Stadt. Wir Grüne wollen diesen öffentlichen Bereich erhalten und stärken. Diese Einrichtungen sollen „Durchlauferhitzer“ für Kreativität werden und sich vielfältig mit anderen Einrichtungen, Vereinen, Stiftungen, freien Kulturprojekten und Bildungsstätten vernetzen, um möglichst viele Menschen durch vielfältige Angebote zu aktivieren.

Kultur- und Kreativwirtschaft

Kreativitätspolitik als strategische Querschnittsaufgabe verbindet die zukunftsfähige Entwicklung des Einzelnen und der Gesellschaft mit neuen wirtschaftlichen Chancen. Die Kultur- und Kreativwirtschaft bietet in Deutschland inzwischen mehr Arbeitsplätze als die Autoindustrie. Die zunehmende Digitalisierung unseres Lebens hat zu einer starken Vermischung von Kreativen und UnternehmerInnen geführt – und das nicht erst mit dem Boom des Web 2.0. In der Folge ist es zu einem schnellen Wachstum der Kreativwirtschaft gekommen. Ein breites Spektrum von kleinen und mittelständischen Unternehmen ist dabei auch in Deutschland sehr präsent. Die Branchen, die dabei abgedeckt werden, reichen z. B. von der Filmwirtschaft, Verlagen, Galerien über die Softwareentwicklung, zu Internetunternehmen, Agenturen und Computerspielen.

Es sind teilweise stark boomende Unternehmen, die gerade auch im europäischen Raum große Erfolge feiern. Dennoch fehlt der Kreativwirtschaft oft die Unterstützung der Politik. In einigen Bundesländern gibt es bereits Kreativwirtschaftsberichte und auch die Bundesregierung nimmt sich des Themas an, jedoch folgen sie dabei einem Bild der Szene, das aus dem letzten Jahrtausend stammt. Heute geht es gerade für Unternehmen, die im digitalen Sektor arbeiten, um grundlegende politische Entscheidungen für ihre wirtschaftliche aber auch kreative Zukunft: Die Entwicklung des Urheberrechts, die Regulierung durch Softwarepatente, die Förderung der kreativen Digitalwirtschaft oder auch die Kontrolle des Internets sind politische Themen und Fragen, die tagtäglich in der Arbeit der Kreativen eine Rolle spielen, da deren Entwicklung Erfolg oder Untergang von zahlreichen Unternehmensmodellen bedeuten kann. Die Künstler und Kreativen, die eigentlichen Urheber der Wertschöpfung im Internet, sind an den Gewinnen bislang nicht angemessen beteiligt. Die aufstrebenden, kleinen und innovativen Kräfte im Markt Kreativwirtschaft bleibt leider noch zu oft ungehört.

Kulturelle Bildung – von Anfang an und lebenslang

Kreativität ist ein menschliches Vermögen, das entwickelt werden kann. Kulturelle Bildung weckt schöpferische Fähigkeiten sowohl im intellektuellen wie im emotionalen Bereich. Sie fördert die Herausbildung der eigenen Identität und stärkt die Fähigkeit zur Teilhabe an der Gesellschaft. Kulturelle Bildung ist unerlässlich für die Orientierung in der Welt. Mit der Förderung sozialer und interkultureller Kompetenz baut sie Vorbehalte vor „dem Fremden“ ab und verbessert gegenseitigen Respekt und Akzeptanz.

Wenn die Förderung von kreativen Potenzialen in jungen Menschen nicht in der Kultur-, Bildungs- und Sozialpolitik verankert wird, wird unser Thema den Ruch des „Elitären“ nicht abstreifen können. Ressortübergreifende Projekte (Kultur, Soziales, Bildung) können dabei helfen, Überzeugungsarbeit zu leisten. Zurzeit öffnen sich Schulen und auch Kulturinstitutionen in völlig neuer Weise und suchen nach eigenem Profil. Hier entsteht neuer Raum für Förderung von Kreativität und Innovation, gerade auch in der Ausweitung der Ganztagsangebote. Beispielhaft sind Bemühungen um kulturelle Bildung wie das Tanzprojekt „Rhythm is it“ mit den Berliner Philharmonikern, das Projekt „Jedem Kind ein Instrument“ in Nordrhein-Westfalen oder die Arbeit des Dudamel-Orchesters in Venezuela.
Eine Aufstockung der Mittel für kulturelle Bildung ist unerlässlich, für Kinder und Jugendliche, aber auch für Erwachsene. Kreative Stadt heißt vor allem, Kreativitätsbremsen zu beseitigen und ein günstiges Umfeld für menschliche Entwicklung zu schaffen. Die Förderung der Kreativität aller Menschen ist deshalb zugleich eine zentrale Gerechtigkeitsfrage: Niemand darf ausgeschlossen bleiben.

Soziale Inklusion

Kreativitätspolitik führt nicht selbstverständlich zu sozialer Inklusion. Sie muss sich aktiv um die Einbeziehung aller Schichten und Milieus bemühen. Wir stehen gegen eine Stadt- und Regionalentwicklungspolitik, die sozialräumliche Spaltungsprozesse befördert und ärmere Bevölkerungsschichten aus aufgewerteten Quartieren verdrängt. Vielerorts, besonders in ökonomisch prosperierenden Städten und Regionen, sind entsprechende Vorgänge zu beobachten. Grüne Kreativitätspolitik will soziale Inklusion als eigenständigen Wert in der Stadtentwicklung einfordern und notfalls auch gegenüber Raumansprüchen lobbystärkerer Bevölkerungsgruppen durchzusetzen. Sie hat zum Ziel, sozialräumlicher Segregation entgegenzusteuern, ohne dabei einer falschen Vereinheitlichung das Wort zu reden. Es geht um Inklusion in der Vielfalt, die Besonderheiten einzelner Quartiere in Städten und Regionen achtet – zumal diese Besonderheiten ja oft gerade den Reiz für ihre Bewohner ausmachen. Für eine solche inklusive Politik müssen geeignete Instrumente entwickelt und auf ihre Praxistauglichkeit hin geprüft werden.

Demokratie und Partizipation

Die Förderung von Kreativität als emanzipatorisches Anliegen meint auch mehr Demokratie und mehr Mitwirkungsmöglichkeiten wie z. B. Planungswerkstätten und Dialogforen. Das gilt auf allen Ebenen – und in besonderer Weise in den Kommunen, die mehr als jede andere politische Ebene darauf angewiesen sind, Kreativität von Bürgerinnen und Bürgern in die Politikgestaltung einzubeziehen und damit den Begriff der kommunalen Selbstverwaltung mit Leben zu füllen.

Hier liegt auch ein wichtiger Schlüssel für Inklusion und Partizipation, z. B. für Migrantinnen und Migranten. Menschen müssen mit ihren Anliegen, mit Anregungen und Vorschlägen ernst genommen werden. Nur wenn sie ihr eigenes Umfeld mit gestalten können, entwickelt sich ein Sinn für erweiterte Möglichkeiten von demokratischer Selbstbestimmung.

Für eine lebendige demokratische Kultur brauchen wir veränderte Infrastrukturen, eine Gestaltung des öffentlichen Raums, die Kommunikation und Begegnung ermöglicht, eine „Renaissance der Plätze“ und das bereits erfolgreich erprobte Konzept der „shared spaces“, das den gemeinsamen öffentlichen Raum nicht einseitig dem Straßenverkehr überlassen will.
Besonders wichtig ist das Recht von Kindern und Jugendlichen auf Entfaltung einer eigenständigen Persönlichkeit und auf ein erfülltes Leben im demokratischen Rahmen der Polis. Jedes Kind muss die Chance erhalten, seine kreativen Fähigkeiten zu spüren und zu nutzen, um auf diese Weise Selbstachtung und die Anerkennung anderer zu gewinnen. Demokratieerziehung ist ein konstitutiver Bestandteil von Kreativitätspolitik.

Positiver Heimatbegriff

Kreativitätspolitik verstärkt und beschleunigt den Wandel, indem sie auf Innovation setzt. Sie darf dabei das Bedürfnis nach Vergewisserung der eigenen Identität nicht ignorieren. Sie kann und muss mithelfen, dass Veränderung und gesellschaftliche Entwicklung sich konstruktiv vollziehen. Denn der rasche Wandel hin zur globalisierten Wissensgesellschaft beinhaltet auch das manchmal schmerzhafte Infragestellen des bestehenden Orientierungssystems und der eigenen Position. So entsteht ein neues Bedürfnis nach der Erfahrung konkreter Orte. Die Wissensgesellschaft und der Prozess der Globalisierung bringen wieder eine Sehnsucht nach städtischer Zentralität und regionaler Bindung hervor.

In Deutschland hat der traditionelle Begriff der „Heimat“ eine negative Konnotation. Die enge Verbindung zuerst mit dem aggressiven Nationalstaat und dann auch heute noch mit dem ewig Gestrigen hat diesen Begriff lange Zeit desavouiert.

Und doch hat gerade in einer Zeit, die von uns ständig Flexibilität und Mobilität erwartet, die Verwurzelung am Ort, das Besondere einer Stadt, der eigene Geschmack einer Region wieder an Bedeutung gewonnen. So scheint es an der Zeit, einen neuen emanzipatorischen Heimatbegriff zu diskutieren, der dieses Bedürfnis aufgreift. Heimat emanzipatorisch verstehen, heißt, die abstrakte Ebene der Staatlichkeit zu verlassen und einen individuellen Zugang zu suchen. Heimat wird von vielen Menschen als gemeinsamer Lebensort begriffen. Dort, wo unterschiedliche Kulturen gemeinsam leben, arbeiten und Feste feiern, kommt es auf den Pass nicht an. Dort wo Menschen willkommen sind, werden Bezüge aus der Vergangenheit nicht verklärt, sondern das „Hier und Jetzt“ als Heimat erlebt.

Kreative Städte

Der Typus der europäischen Stadt mit ihren funktionsgemischten Quartieren, ihren öffentlichen Räumen, ihren Kultur-, Freizeit- und Bildungsangeboten im Zentrum ist der ideale Raum für Kreativitätspolitik. Hier finden sich die Voraussetzungen für kommunikative Dichte und vielfältig anregende Milieus, wie sie für kreative Subjektivität förderlich sind – von der wiederum wirtschaftlicher Erfolg stark abhängt. Investitionen werden dort getätigt, wo es die Wissensarbeiter/innen hinzieht. Und das sind vorrangig tolerante Städte mit einem breiten Kulturangebot. Für die Stadtpolitik bekommen damit Faktoren wie Weltoffenheit, Toleranz und kulturelles Angebot ein besonderes Gewicht.

Städte, in denen Kunst und Kultur groß geschrieben werden, sind attraktiv auch für interessante Unternehmen und kluge Köpfe – und das müssen nicht die Metropolen sein. Auch in kleineren Städten und in Regionen kann man „Brutstätten“ fördern – zum Beispiel in brachliegenden Industriearealen – und damit Impulse für

Stadtentwicklung setzen. Kulturelle Impulse können die Augen öffnen für das Potenzial von Standorten.

In der Stadt leben Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen auf engstem Raum zusammen. Kreativitätspolitik sieht dies nicht als Problem, sondern als einen Reichtum an, den es auszuschöpfen gilt. Die Vielfalt der Kulturen ist ein Standortvorteil. Hier haben wir unterschiedliche Antworten auf die Fragen der Welt zur Hand. Aus konstruktiver Reibung der Modelle können sich wirklich neue Wege ergeben.

Jede Stadt ist anders. Städte sind Orte sozialer Identifikation auf internationaler Ebene. Ein zugewanderter Türke in Stuttgart wird sich bald als Stuttgarter fühlen, aber sehr lange weder als Schwabe noch als Deutscher. Identifikationen sind aber für soziale Integration und für die Verankerung der Individuen in der Welt unverzichtbar. Es spricht deshalb einiges dafür, ausdrücklich eine auf Städte und Kommunen, aber auch Regionen bezogene Identitätspolitik zu betreiben.

Es gilt, die Besonderheiten der eigenen Stadt zu entdecken und zu stärken und sie erkennbar zu machen in der Welt. Die Diskussion städtischer Leitbilder kann dazu beitragen, politische Partizipation anzuregen und die Städte als demokratische Handlungseinheiten zu stärken. Die Unverwechselbarkeit der Stadt schafft Identität. Die Magie des Ortes kann mithelfen, ein Stadtwesen zusammenzuhalten.

Zur Kreativität großer Städte gehört, dass sie ihren Bewohnerinnen und Bewohnern die unverzichtbare Erfahrung eines sozialen Ortes in der Welt verschaffen, in die die eigenen Existenz sinnvoll und im Gewebe gemeinsamer Geschichten gelegt werden kann. Das überzeugendste Beispiel von Kreativität bieten solche Städte, die sich beständig neue erfinden und dabei doch sie selber bleiben. Sie bieten ihren Bürgerinnen und Bürgern einen Ort, von dem her sie sich selbst immer wieder neu orientieren können, ohne befürchten zu müssen, sich selbst zu verlieren.

Jeder kann sich gemeint fühlen in einer Stadt, die allen gehört. Durch Beteiligung am kulturellen Leben können wir alle, so unterschiedlich wir sind, kreativ an der Identität der Stadt mitarbeiten, an ihr teilhaben und auch Verantwortung für ihren jeweils eigenen Weg in die Zukunft übernehmen. Die Identifizierung mit der Stadt birgt dabei nicht das Aggressionspotenzial, das die Identifizierung mit der Nation produziert. Die Gewissheit vom Wert der eigenen Stadt kann sehr wohl mit Weltoffenheit Hand in Hand gehen.

Kreative Regionen

Kreativitätspolitik ist wesentlich auch Regionalpolitik. Die Region ist in vielen Fällen die Klammer um die eigene Lebens- und Arbeitswirklichkeit. Kultur- und Freizeitangebote werden oft regional genutzt, über den Rahmen einzelner Städte und Kommunen hinaus. Über die Attraktivität eines Ortes entscheidet ganz wesentlich, was regional erreichbar ist.

Nur dort allerdings, wo alle relevanten Akteure per se vom Entstehen von win-win- Situationen ausgehen, ist einheitliches Handeln auf freiwilliger Basis möglich. Dort, wo der erkennbare Nutzen für die jeweilige Kommune erst nach einiger Zeit deutlich wird, ist Kooperation ein steiniger Weg. Wichtig für Kreativitätspolitik ist etwa die Klärung der Mitfinanzierung von Kultureinrichtungen durch Umlandgemeinden.

Wer die Region als Hort der Kreativität aktiv befördern will, braucht die notwendigen gesetzlichen Kompetenzen. Das Beispiel Ruhrgebiet zeigt, welch langen Kampf es bedurfte, bis ein Gesetz geschaffen werden konnte, das zumindest die dafür erforderlichen Kernbereiche Kultur, Planungshoheit und Wirtschaftsförderung der regionalen Ebene öffnete.

Um schneller zu sinnvollen Ergebnissen zu kommen, bedarf es einer demokratisch legitimierten Verfasstheit der Region, wozu auch Direktwahlen zu den Entscheidungsgremien gehören. Sonst steht häufig nicht mehr das Interesse der Gesamtregion im Vordergrund, sondern ein Konzert der Interessen einzelner Kommunen. Große Kommunen dominieren hierbei häufig die kleineren.

Europa

Etwa 75 Prozent der EuropäerInnen leben in Städten. Ihr Mitwirken ist entscheidend bei allen Strategien auf nationaler oder europäischer Ebene – sei es zu Wachstum und Beschäftigung (Lissabon-Strategie), zum Klimaschutz oder zur wirklich nachhaltigen und kreativen Stadtentwicklung.

Auch von der europäischen Ebene müssen Anstöße kommen für die weitere Entwicklung kreativer europäischen Städte und Regionen – genauso wie die europäischen Städte und Regionen gefordert sind: Globalisierung, damit einhergehender Strukturwandel, Klimaschutz und demografische Veränderungen rufen nach Lösungen, die unser einzigartiges historisches und kulturelles Erbe schützen und bewahren. Sie erfordern aber auch neue Impulse für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Die Kreativitäts- und Kulturwirtschaft kann als Motor für eine solche Entwicklung dienen. Sie ist eine Wachstumsbranche mit großem Arbeitsplatzeffekt. Dabei geht es um Kreativitäts- und Kulturinitiative im weitesten Sinne für möglichst viele Akteure, es geht um die Entwicklung neuer kultureller Ideen, es geht um den interkulturellen Austausch vor Ort, in Europa und darüber hinaus. Und es geht um die Schaffung von Rahmenbedingungen sowie die Gewährleistung sozialpolitischer Standards für Künstler und Kreative. Auch auf europäischer Ebene soll dabei den kleinen und mittleren Unternehmen besondere Aufmerksamkeit gelten.

Der Beschluss der EU-Kommission zur Ausrufung eines Europäischen Jahres der Kreativität und Innovation 2009 kann ein Impuls sein, Kreativität im oben genannten Sinne in den europäischen Städten und Regionen fördern. Es liegt nun auch stark an den Städten und Regionen, die europäische Förderung als Chance für Zusammenarbeit, Austausch, Netzwerkbildung und Entwicklung anzunehmen und die besten Erfahrungen zur alltäglichen Praxis werden lassen.

(Basierend auf einem Papier des BuVo und Anregungen aus der BAG Kultur bearbeitet von Eva Leipprand – Stand 01.04.2009)

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